Jakobs Geschichte

Jakob hat jetzt eine Geschichte.

Jakob war einer von 6000 Hunden, die im September 2020 im rumänischen Tierheim Smeura lebten.

Er ist 15, 16 oder auch 19 Jahre alt – wer weiß das schon – und hat von diesen Jahren sieben in einem Zwinger der Smeura verbracht. Davor war er in der Tötungsstation, wo er abgegeben oder von Hundefängern reingebracht wurde, an dieser ganz schlimmen Fangschlinge. Sein Leben bis dahin war wahrscheinlich ein Leben an der Kette: Er hat einen dicken haarlosen Wulst am Hals, wo die Kettenglieder wohl eingewachsen oder jahrelang geschabt haben. Er bewachte vielleicht einen Hof, ein Haus, ein Gelände oder nichts.

Jakob bekommt eine Geschichte, weil er so wackelige Althundebeine hat.

Wir wollten wagen, einem sehr alten Hund einen Lebenswinterplatz zu geben. Auf meine Nachfrage hin bekam ich Fotos von zehn alten Herrschaften. Während die anderen neun noch recht standhaft schienen, sah ich, dass der gakelige Jakob beim kleinsten Windhauch einfach umfallen würde. Was musste dann erst der nächste rumänische Winter mit ihm anrichten…

So kam Jakob zu uns. Er ist wirklich so wackelig, wie er auf dem Foto aussah: Unsere Jelle hat ihn schon zweimal mit ihrem Rollwagen umgefahren und einmal fand ich ihn hilflos im Garten auf dem Rücken liegend – er konnte einfach nicht mehr aufstehen. Da tut das Herz schon weh…

Jakob ist schwer krank: Ein Tumor verdrängt das Herz und die Lunge hat Metastasen. Der Graue hat also ein Medikamentendöschen, in das wir seine vielen Tabletten für morgens, mittags und abends einsortieren. Er hat mich viele Nächte kaum schlafen lassen, weil er wochenlang ganz schlimme Hustenanfälle hatte und kein Medikament half. Da dachten wir, dass wir ihn nun gehen lassen müssten, so schüttelte es den alten Körper. Mit Cortison haben wir die Kurve grad noch mal bekommen. Und so lebt er nun mit uns …

Und wer ist Jakob also?

Nach 10 Wochen tonlosen Daseins hat er angefangen zu bellen. Nun bellt er heiser sein Spiegelbild an, die Ziegen, die Handwerker, er bellt, wenn ich huste und natürlich, wenn die anderen Hunde bellen. Oft in die falsche Richtung und meist schert sich keiner der anderen darum, wie aufgeregt der Jakob ist. Manchmal fällt er um, wenn er bellt, weil es so viel Kraft kostet, aber er findet sichtlich, dass es zu seinen Pflichten gehört.

Jakob kann Würstchen fangen. Ein tägliches Ritual bei uns. Es stellt sich schnell heraus, wie begabt Hunde dafür sind. Jesper z.B. hat noch nie ein Stückchen gefangen. Jakobs Kiefer hingegen klappt wie ein Krokodilmaul zu, schnell und präzise, sowie das Würstchen sicher drinnen gelandet ist.

Jakob kann nicht durch die Wohnung nach draußen gehen, an der Sofakante hört bei ihm der Spaß auf. Er muss durch die Terrassentür. 30 Mal am Tag, denn er bekommt Entwässerungstabletten und ist dazu ein alter Herr. Ich glaube, er vergisst auch manchmal, dass er grad draußen war, so schnell kehrt er wieder um. Als es warm war, haben wir da nicht viel drüber nachgedacht. Nun kommt jedes Mal beim Türöffnen viel kalte Luft mit rein, so dass wir manchmal drinnen frieren.

Jakob liebt seine Gartenrunde. Er hat aber große Angst vor den Zwergziegen, die ihn auch schon mal umgestupst haben. Es kämpft in ihm, das kann man sehen: Rein in den Garten oder nicht. Aber er schafft es fast jeden Tag, einmal um die Scheune zu laufen. Dabei schnüffelt er hier und da und vor einer Woche sah ich, dass er versuchte, sein Bein beim Pinkeln zu heben. Das brachte ihn natürlich aus dem Gleichgewicht und schon lag er wieder. Mächtig stolz war ich da auf ihn! Update: Ich habe inzwischen gesehen, wie er erfolgreich die Hausecke angepinkelt hat – auf drei Beinen stehend, das vierte elegant abgestreckt.

Jakob ist immer dabei. Sowie Stimmung in den Laden kommt, steht er auf und schaut hechelnd zu. Wir sehen sein Gehirn dann arbeiten.

Jakob ist Genießer – vielleicht sind es aber auch seine Medikamente, die ihm den Appetit verderben. Ich koche manchmal ein Suppenhuhn für ihn oder er bekommt mit Leberwurst gespickte Frolics, die ihm Herrchen auf einem Jakob-Teller anrichtet. Seinen täglichen Rinderknochen liebt er aber sehr und er weiß genau, wann es soweit ist.

Jakob hat im Wohnzimmer zwei Liegeplätze mit Ausblick auf den Hof. Die Sicht scheint sich deutlich von Platz zu Platz zu unterscheiden: Obwohl nur einen Meter voneinander entfernt, muss oft zwischen ihnen gewechselt werden. Räume ich einen Platz weg, ist er maßlos irritiert.

Viele Wochen lang wollte Jakob nur draußen unter dem Terrassentisch liegen. Ich deckte ihn tagsüber mit Decken zu, als es kälter wurde. Da lief er dann oft mit einer Decke im Schlepptau wie ein altes Gespenst über den Hof. Nun mag er die Wärme und er steht nach jedem Ausflug flugs wieder vor der Terrassentür und kratzt auch mal daran, wenn es nicht schnell genug geht.

Jakob kann auch nur draußen trinken. Drinnen wird kein Schluck angerührt.

Jakob liebt es, wenn ich seine Ohren kraule. Dann legt er sein altes, verträntes Köpfchen ganz fest in meine Hand. Ich bin dann traurig, weil ich ihm so sehr wünschen würde, er hätte sein Leben lang eine Hand gehabt, die ihm Gutes tut. Dass er sich nicht unter ihr hätte wegducken müssen und dass Lebensfreude ihn begleitet hätte auf seinem ganzen Lebensweg. Er hätte dann eine Geschichte gehabt, die viel, viel länger als diese zwei Seiten gewesen wären.

Jakob hat Freunde: Jesper und Jelle finden, er riecht gut. Sie liegen auch mal bei ihm oder lecken ihm die Nase oder die Ohren ab. Den anderen Hunden ist er egal. Ich weiß aber, sollte ein Wolf kommen und ihn holen wollen, würden ihn alle mit ihrem Leben verteidigen. Er gehört dazu. Und wenn es nur noch für einen Winter ist.

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